[Rezension] Der Engelsbaum || Lucinda Riley

Oktober 25, 2015 0 Comments A+ a-



Dreißig Jahre sind vergangen, seit Greta Marchmont das Herrenhaus verließ, in dem sie einst eine Heimat gefunden hatte. Nun kehrt sie zurück nach Marchmont Hall in den verschneiten Bergen von Wales – doch sie hat keinerlei Erinnerung an ihre Vergangenheit, denn seit einem tragischen Unfall leidet sie an Amnesie. Bei einem Spaziergang durch die winterliche Landschaft macht sie aber eine verstörende Entdeckung: Sie stößt auf ein Grab im Wald, und die verwitterte Inschrift auf dem Kreuz verrät ihr, dass hier ein kleiner Junge begraben ist – ihr eigener Sohn! Greta ist zutiefst erschüttert und beginnt sich auf die Suche zu machen nach der Frau, die sie einmal war. Dabei kommt jedoch eine Wahrheit ans Licht, die so schockierend ist, dass Greta den größten Mut ihres Lebens braucht, um ihr ins Gesicht zu blicken.

Dank einer spontanen Leserunde von +Steffis Bücherbloggeria habe ich nach der "Mitternachtsrose" zum zweiten Lucinda Riley Buch für diesen Monat gegriffen. Und auch hier wurde ich wieder nicht enttäuscht.

Immer wenn ich ein Riley-Roman zu lesen beginne, erwarte ich automatisch eine großartige Liebesgeschichte, die sich, von Schicksalsschlägen gezeichnet, über weite Zeitepochen hinzieht, um zum Schluss in einem Happy End zu enden. 
Doch dieses Mal wurde gleich von Beginn an eine andere Richtung vorgegeben. Wir befinden uns im Wales des Jahres 1985, bei einer weihnachtlichen Familienzusammenkunft. Von da aus reisen wir gerade einmal knapp 40 Jahre zurück und bleiben ausnahmsweise im gleichen Land. Was zu Beginn vielleicht noch auf eine aufkeimende Liebesgeschichte hindeutet, gerät recht schnell in die Geschichte der Familie Marchmont, die von Geheimnissen, Komplotten und Krankheiten nur so trieft. Die Geschehnisse sind teilweise so schockierend und unberechenbar, dass wir uns in das Setting eines Thrillers versetzt fühlen.

Die Charaktere sind ausgefeilter denn je. Riley wartet hier mit gänzlich anderen Persönlichkeiten auf, als uns bisher aus ihren Büchern bekannt war. Kranke und gebrochene Seelen treffen hier auf aufopfernde und liebevolle Menschen. Kinder, die von ihren egoistischen Eltern ins Rampenlicht gedrängt wurden, stoßen auf behütet aufgewachsene Kinder in Marchmont Hall. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, was sich auch im späteren Leben bemerkbar macht. 

Durch den geringen Zeitabstand sind beide Geschichten recht eng miteinander verknüpft, die Handlungen gehen teilweise ineinander über. Bis zum Schluss wird der Leser immer wieder von Wendungen überrascht, die die Geschichte noch einmal in eine andere Richtung schubsen. Die Mischung aus Familiensaga und Psychothriller machen das Buch zu einer permanent spannenden Lektüre. 

Fazit
Ich habe mich für die höchste Bewertung entschieden, da das Buch für mich wirklich alles hatte. Gut ausgearbeitete Charaktere, eine stimmige Story, ein bisschen Thrill und die Liebe blieb auch nicht ganz auf der Strecke. Die Gefühlsebene wurde hier mal durch eine Spannungsebene ersetzt. Taschentücher hab ich diesmal keine gebraucht, dafür war es teilweise wirklich schockierend zu sehen, wie abgrundtief böse und berechnend eine Menschenseele sein kann. 
Das Buch ist auch denen zu empfehlen, die sonst kein Buch der Autorin zur Hand nehmen würden, weil sie nur Liebesgeschichten von ihr gewohnt sind. "Der Engelsbaum" ist in jeder Hinsicht ein spannender und unterhaltsamer Roman.