[Rezension] Der Zug der Waisen || Christina Baker Kline



Inhalt


New York, 1929: Mit neun Jahren verliert Vivian Daly, Tochter irischer Einwanderer, bei einem Wohnungsbrand ihre gesamte Familie. Gemeinsam mit anderen Waisenkindern wird sie kurzerhand in einen Zug verfrachtet und in den Mittleren Westen geschickt, wo die Kinder auf dem Land ein neues Zuhause finden sollen. Doch nur die wenigsten erwartet ein liebevolles Heim. Stattdessen müssen sie als billige Landarbeiter, Haushaltshilfen oder Näherinnen harte Knochenarbeit leisten. Auch Vivian stehen schwere Bewährungsproben bevor, bis es ihr nach entbehrungsreichen Jahren endlich gelingt, einen Ort der Geborgenheit zu finden und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Aber erst Jahrzehnte später vermag sie, durch die überraschende Freundschaft zu einem rebellischen jungen Mädchen, das wie sie seine Eltern verloren hat, das Schweigen zu brechen und wahren Frieden zu finden. (Quelle: Hörverlag)


Meine Meinung


Bevor ich die Geschichte von Christina Baker Kline begonnen hatte, war mir das Stück amerikanischer Geschichte um die sogenannten "Orphan Trains" kein Begriff. Dass das als Wohlfahrtsprogramm getarnte Unternehmen "Orphan Train Movement" alles andere als wohltätig war, erfährt man innerhalb der ersten Kapitel von "Der Zug der Waisen". Vivian Daly, unsere Protagonistin, war "Passagierin" einer dieser Züge. Ziel dieser Reisen war es, Waisenkinder in neue Familien zu bringen. Mich hat es im ersten Moment an einen Lieferservice für Kinder erinnert. So ungefähr wie: Leute, stellt euch an einen Bahnhof und sucht euch eines der vorbeifahrenden Kinder ganz nach eurem Belieben aus. Ein Baby zum Knuddeln und Liebhaben oder ein älteres Kind, welches kostengünstig Haus- & Farmarbeiten übernehmen kann. Diese Vorstellung, wie mit den Kindern gehandelt wurde - es gab eine 90-tägige Probezeit und eine Rückgabemöglichkeit - lässt mich ein bisschen an der Menschheit zweifeln.

Das Buch ist auf zwei Zeitebenen aufgebaut. Einmal erleben wir die junge Waise Vivian ab dem Jahr 1929, die auf ihrer Reise zu einer neuen Familie so einiges über sich ergehen lassen musste. Ausbeutung, Nichtbeachtung, beliebige Namensänderungen oder sexuelle Übergriffe standen an ihrer Tagesordnung. Da wundert es mich nicht, dass sie mehr als einmal über eine Flucht nachgedacht hat.

Im Jahr 2011 lernen wir Molly, ebenfalls Waise, kennen. Sie und Vivian treffen aufeinander und stellen fest, dass sich ihre Grundsituationen sehr ähneln. Nachdem Molly jedoch Vivians Geschichte gehört hat, kommt sie ins Straucheln und beginnt zu erkennen, dass ihr Leben doch nicht so schlimm ist, wie sie dachte. Sie macht innerhalb der Geschichte eine tolle Entwicklung durch, was mir sehr gut gefallen hat.

Ich habe die Geschichte komplett als Hörbuch gehört und musste immer wieder feststellen, dass sich einige Längen eingeschlichen haben, die das Buch gar nicht nötig hatte. Für mich stand Vivians Geschichte ganz klar im Vordergrund. Sie nahm auch einen Großteil des Buches ein, wurde zum Ende hin aber etwas überstürzt verkürzt bzw. gerafft. Der emotionsgeladene Beginn flachte zunehmend ab. Mollys Herkunft ist zwar auch interessant, hätte es aber meiner Meinung nach nicht bedurft, um der Geschichte ihren Charakter zu verleihen. Vielleicht wollte die Autorin damit die Ähnlichkeit der beiden Frauen unterstreichen, für mich hatte es aber eher den Anschein einer unnötigen Aufbauschung.

Die beiden Sprecherinnen Beate Himmelstoß und Susanne Schroeder haben mir sehr gut gefallen, es war eine Wohltat ihnen zuzuhören. Sie haben Vivian und Molly durch ihre Stimmen Leben eingeflößt und sie greifbar gemacht.

Fazit


Trotz oder gerade wegen der sehr ernsten Thematik, hat mir "Der Zug der Waisen" sehr gut gefallen. Mit Vivian und Molly präsentiert uns die Autorin zwei starke Persönlichkeiten, die sich auch durch widrige Umstände nicht vom Leben abhalten lassen.

Christina Baker Kline vermittelt ein Stück amerikanischer Geschichte, welches mir bisher unbekannt war, an Aktualität aber nicht verloren hat. Es gibt sicher immer noch Unternehmen, die die Not von Kindern zu ihren Gunsten ausnutzen und das Wohl der Kinder dabei nicht unbedingt im Vordergrund steht.

Wer noch ein bisschen mehr über das Buch und die Orphan Trains erfahren möchte, findet HIER einen informativen Beitrag dazu.

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Bloggerportal und dem Hörverlag für die Bereitstellung des Hörbuchs.


Weitere Meinungen zu "Der Zug der Waisen":

Andrea von LeseBlick

Kommentare

  1. Hallo!
    Das Buch habe ich auch schon im Auge und fine es wichtig, dass dieses Thema ameriaknischer Geschichte einmal aufgegriffen wird. Deine Rezension macht Lust auf das Buch und ich hoffe, dass es noch viele begeisterte Hörer finden wird.
    Viele Grüße
    Yvonne

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    1. Ich persönlich hatte von diesem Teil der Geschichte vorher ja noch nie was gehört und war wirklich schockiert. Falls du das Buch lesen oder hören solltest, lass mir doch gerne deinen Rezi-Link da, dann baue ich ihn oben noch ein :)

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